Herbstgedanken

Herbstgedanken

Herbstanblick Häuschen
Herbstanblick Häuschen

Melancholie ist für mich ein Zustand, der Wohlgefühl mit dem Wissen um seine Vergänglichkeit paart. Es ist ein Schwebezustand, der Emotionen aus der Vergangenheit aufsteigen lassen kann oder eine Ahnung hervorruft, dass die Schatten im Anmarsch sind. Im Herbst gibt es viele solcher Momente, ausgelöst von der Veränderung in der Natur. Die Strahlen der Sonne vermitteln nur noch einen Hauch von Wärme, der ausreicht, um die wohlige Erinnerung an die Eindeutigkeit der Hitze zu erzeugen begleitet von einem Frösteln im Hinblick auf die Minus-Grade, die unweigerlich bevorstehen.

Astern vor dem bereits kahlen Vogelbeerbaum
Astern vor dem bereits kahlen Vogelbeerbaum

Allein die Astern lassen erahnen, wie reichhaltig die Blumenpracht bis vor kurzem noch war. Das üppige Grün ist verzehrt, aber die Ansätze sind zwischen den gelb, braun, rot verfärbten Blättern zu erkennen. Die Luft schmeckt morgens nach gefrorener Feuchtigkeit und am Nachmittag nach angefeuchtetem, warmen Waldboden.

Ich bin froh, hier sein zu dürfen und traurig, weil ich bald wieder die Stadt gegen das Land eintauschen muss. Noch kann ich mir ein Dasein allein mit Hund, Schafen, Hühnern und Silke in der Einsamkeit des Bayerischen Walds nicht vorstellen. Aber gerade das Wort noch ist der Inbegriff der Melancholie. Es hat beide Dimensionen. Es reicht aus der Vergangenheit gerade noch in die Gegenwart oder impliziert, dass der Augenblick jeden Moment von der Zukunft abgelöst werden kann. Und auch das kann beides beinhalten: das Nahen eines ersehnten Zustands oder das Ende des bisherigen Glücksgefühls.

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Ich freue mich durchaus auf den Winter. Statt den Laufschuhen stehen die Langlaufskier vor der Tür. Die Arbeit im Garten oder der Wiesen hat Pause. Schneeschaufeln, Holzhacken, Solarpanelen befreien – das war die Routine im letzten Jahr und das wird sie wohl auch in diesem Jahr werden. Es ist unser zweiter Winter. Während der erste von den Renovierungsarbeiten im Haus dominiert wurde, haben wir dieses Mal die Wahl, welcher Aufgabe wir uns stellen wollen. Wahrscheinlich könnte es immer so weiter gehen, wenn nicht eine innere Unruhe uns begleiten würde. Sind wir angekommen? Gehören dieses Fragen und die Möglichkeit der Veränderung unlösbar zu uns? Auf jeden sind sie Grundlage für das Gefühl der Melancholie, der Sehnsucht nach Routine, die wir immer wieder untergraben, um uns danach sehnen zu können.

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Unsere, derzeit sechs Schafe auf der Suche nach dem letzten Grün

Ich war am Sonntag Joggen. Die Sonne, die Herbstfärbung und die zweistellige Temperaturanzeige obsiegten über die stechenden Schmerzen in der Hüfte und rechts über dem linken Knie. Ein Phyrrussieg über die Vernunft, die dringend zu einer längeren Pause geraten hat. Wozu? Alles ist vergänglich und ich will nicht auf dieses Gefühl verzichten, solange ich es kann – hoffentlich noch viele Jahreszeiten lang.

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