Warum Nordkorea noch einen Atombombentest durchführen wird

Warum Nordkorea noch einen Atombombentest durchführen wird

Warum Nordkorea noch einen Atombombentest durchführen und/oder ein U-Boot als mobile Raketenabschussrampe entwickeln wird

Propaganda in der nordkoreanischen Hauptstadt

Als im November 2014 der US-Geheimdienstchef James Clapper bei einem opulenten Abendessen mit seinen nordkoreanischen Gastgebern zu Tisch saß, konnte er sich selbst von der Sorge Nordkoreas vor einem US-Angriff überzeugen. Nach Aussagen von James Clapper habe sein Gegenüber, ein hochrangiger nordkoreanischer General, ihm unmissverständlich klar gemacht, dass das gemeinsame US-südkoreanische Manöver als eine Vorstufe zur Invasion Nordkoreas empfunden werde, als würde man quasi von den USA belagert.

Die Manöver der US-amerikanischen und südkoreanischen Streitkräfte empfindet Nordkorea als Vorbereitung zum Krieg

Gebetsmühlenartig wiederholen nordkoreanische Medien sowie offizielle Stellen ihre Ablehnung und Sorge bezüglich der alljährlich stattfindenden Manöver zwischen südkoreanischen und US-amerikanischen Truppen. Im Frühjahr 2013 schaukelte sich die Kriegsrhetorik dabei auf beiden Seiten beängstigend hoch, und es flogen erstmals US-Langstreckenbomber über die koreanische Halbinsel. Auch in seiner diesjährigen Neujahrsansprache hat Kim Jong Un ein Ende der feindlichen Manöver als Vorbedingung genannt, um das Verhältnis zwischen seinem Land und dem Nachbarn im Süden zu entspannen.

http://youtu.be/ipHRW6lmjp0

Dann sei sogar ein Gipfeltreffen zwischen den beiden Führern der verfeindeten Staaten möglich, betonte Kim Jong Un in seiner dritten Neujahrsansprache nach dem Tod seines Vaters Kim Jong Il. Doch bisher gibt es keine Anzeichen, dass die USA und Südkorea bereit sind, ihre gemeinsamen Manöver aufzugeben oder zumindest zu verkleinern oder zu verkürzen.

Kim Jong Uns innen- wie außenpolitischer Spielraum

Welche Möglichkeiten hat in diesem Fall das isolierte, wirtschaftlich angeschlagene Nordkorea? Schon für den Staatsgründer, Kim Il Sung, und Großvater des amtierenden Führers, war der Zusammenhalt der Bevölkerung, die geschlossenen Reihen hinter ihm extrem wichtig bezüglich einer erfolgreichen Machtausübung. Zu diesem Zweck entwickelte er die passende Ideologie (Juche) und suchte an der Seite oder besser neben dem sozialistischen Bruderstaat, der Sowjetunion, nach seinem eigenen Weg.

Als sein Sohn, Kim Jong Il, die Macht übernahm, brauchte er neben der Legitimation der Familie („nur die Kims können Nordkorea vor dem Bösen bewahren“) angesichts des Zerfalls des Ostblocks und der Hungerjahre in Nordkorea weitere Argumente für seinen Herrschaftsanspruch und um den Zusammenhalt in der nordkoreanischen Bevölkerung zu befördern. Der Streit mit den USA um das nordkoreanische Atomprogramm kam da gerade recht. Die USA und die von den USA maßgeblich initiierten Sanktionen mussten als Sündenbock herhalten für die schlechte Lage im eigenen Land. Die songun-Politik (Militär zuerst) war nur die logische Konsequenz.

An diesem Feindbild, an diesem Szenario einer Bedrohung von außen hat sich bis heute nichts geändert. Mal werden die gemalten Propaganda-Bilder des „feigen US-Soldaten“, der von mutigen nordkoreanischen Militärangehörigen abgestochen wird, offen auf den Straßen aufgestellt, dann sind „nur“ in den Schulbüchern des Landes die „grausamen Taten der Feinde und die heroische Antwort der eigenen Leute“ beschrieben. Angesichts fehlender anderer Quellen müssen die Menschen glauben, dass die USA ihrem Land etwas Böses wollen, und nur die kluge Politik der Kim-Führer bisher Schlimmeres verhindert hat, auch wenn die eigene Bevölkerung dafür große Entbehrungen in Kauf nehmen muss.

Die Logik dieser Propaganda bringt es mit sich, dass der aktuelle Diktator ohne Zugeständnis der USA, ohne sichtbaren Erfolg, der sich im eigenen Land am besten sogar als Triumph darstellen lässt (vergleichbar dem angeblichen, nordkoreanischen Sieg am Ende des Korea-Kriegs in den 50er Jahren, der offiziell mit dem bis heute gültigen Waffenstillstand endete), keinen Handlungsspielraum hat. Die Aufgabe oder Reduzierung der jährlichen, gemeinsamen Manöver des US-amerikanischen und südkoreanischen Militärs wäre so ein Propaganda-Erfolg. Bleibt dieser aus, muss das echte oder nur aus innenpolitischen Gründen aufgebauschte Bedrohungsszenario aufrechterhalten werden. Ein Verzicht auf die atomare Abschreckung ist unter diesen Bedingungen nicht möglich.

Ein Verzicht auf das nordkoreanische Atomprogramm ist ohne Sicherheitsgarantien angesichts der Beispiele von Libyen und der Ukraine nicht möglich

Da Nordkorea nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ideologisch – der junge Kim Jong Un muss sich selbst eine eigene Legitimation verschaffen – gezwungen ist, sich ein Stück weit aus seiner Isolation und gleichzeitig von der einseitigen Abhängigkeit von der Volksrepublik China, dem angeblich einzigen Verbündeten Nordkoreas, zu befreien, bleibt der Führung in Pjöngjang nichts anderes übrig, als ihr Drohpotential auszuweiten.

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Während der Zeit des Kalten Krieges hat sich der Erfolg der atomaren Abschreckung erwiesen und bietet vermeintlich oder tatsächlich bisher auch Nordkorea Schutz. Die jüngsten Eingriffe der westlichen Welt (vor allem der USA) in den Ländern, die islamistische Terroristen beherbergen oder US-amerikanischen Interessen zuwider handeln, legen nahe, dass atomare Abschreckung nötig sei. So sieht das zumindest die nordkoreanische Führung und ließ das zum Beispiel nach der Bombardierung Libyens auch gegenüber westlichen Besuchern klar  durchblicken. Die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine, die auf ihr Atomwaffen-Arsenal nach dem Zerfall der Sowjetunion verzichtet hat, ist ein anderes Beispiel, wie selbst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel einräumt.

Nordkoreas Atomwaffen- und Raketenprogramm ist erfolgreich und ein Devisenbringer

Hinzu kommt der Erfolg der atomaren Aufrüstung für Nordkorea. Der letzte Atombombentest konnte von der internationalen Staatengemeinschaft nicht vollständig entschlüsselt werden. Handelte es sich noch um einen atomaren Sprengsatz auf Plutonium- oder schon auf Uran-Basis? Nordkorea hat deutliche Fortschritte bezüglich des Wissens um Atombomben gemacht und kann wahrscheinlich sein Wissen auch geldbringend weitergeben. Gepaart mit dem erfolgreichen Test einer Langstreckenrakete wächst das Bedrohungspotenzial deutlich. Mittlerweile räumen fast alle Beobachter ein, dass Nordkorea kurz vor dem Abschluss der Miniarisierung der Atombombe stehe, so dass diese in den Sprengkopf einer Trägerrakete eingepasst werden kann. Dafür bedarf es allerdings noch eines weiteren, erfolgreichen Atomtests.

Seegestützte Atomwaffen

Um eine Bombardierung nordkoreanischer Atomanlagen auszuschließen und damit generell das Land aus der selbst empfundenen Gefährdung durch US-Bomber zu bringen, scheint die Entwicklung eines eigenen, nordkoreanischen U-Boot-Typs vorangetrieben zu werden, von dem aus eine Trägerrakete bestückt mit einem Atomsprengkopf abgeschossen werden kann. Dieses ambitionierte Ziel erfordert allerdings noch eine Reihe von Tests, ehe die Drohung von der gegnerischen Seite als ernsthaft eingestuft werden dürfte.

Südkoreas unentschiedene Haltung

Südkoreas Präsidentin hat in Bezug auf die Neujahrsansprache ihres nordkoreanischen Pendants durchblicken lassen, dass sie sich ein Gipfeltreffen durchaus vorstellen könnte.

Park Geun-Hye Inargurated As First Female President Of South Korea

Persönliche Kontakte, die es ermöglichen, die Absichten von Kim Jong Un und die Ernsthaftigkeit seiner Annäherungsvorschläge einzuschätzen, wären extrem hilfreich. Aber trotz dieser positiven Antwort blieb auch Südkoreas Politik bisher jede Aktion schuldig, die den Boden für eine Entspannung und damit für ein Treffen bereiten könnte. Die im eigenen Land umstrittenen Flugblattaktionen gehen weiter, obwohl ein Gericht der südkoreanischen Regierung eingeräumt hat, zum Schutz der örtlichen Bevölkerung das Aufsteigenlassen von Flugblättern in der Grenzregion zu Nordkorea untersagen zu dürfen.

Es scheint, als wäre eine Entspannung auf der koreanischen Halbinsel erst nach einer weiteren Eskalation möglich.

 

 

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