Vortrag cresc:biennale

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Vortrag Cresc: Transit von Peter Kujath 23.11.2017

Sehr geehrte Damen und Herren, liebes Publikum,

Der Begriff Transit, mit dem das diesjährige Festival überschrieben ist, hat viele Facetten. Auf den Internet-Seiten von cresc sind ein paar Begriffspaare genannt, in deren Spannungsfeld sich die Gesellschaft derzeit bewegt: Konflikt und Aussöhnung, Hoffnung und Resignation, Ort und Nicht-Ort, Eigenes und Fremdes.

Als ich gefragt wurde, ob ich einen Impuls-Vortrag halten möchte, der den Begriff Transit im Hinblick auf meine Korrespondentenzeit aufgreift – ich war sechs Jahre lang als ARD-Radiokorrespondent in Ostasien unterwegs –, da fielen mir beim ersten Brainstorming zuerst die vielen Stunden in den Transitzonen der Flughäfen ein. Die Passkontrolle hat man schon hinter sich, das Land aber noch nicht verlassen. Man befindet sich in einer Zwischenwelt, die symptomatisch ist für das Leben als Korrespondent. Ich habe meine deutsche Identität zwar mit nach Japan, Korea und Taiwan genommen, durfte aber eintauchen in ganz andere Gesellschaften. Ich war auf einmal der Fremde, der Ausländer. In der Reflexion der sich mir darbietenden Sitten und Gebräuche war ich auch zurückgeworfen auf die mir selbstverständlich erscheinenden Gewohnheiten, die ich an mir kaum wahrgenommen aber die Japaner irritiert haben.

Ein banales Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Taschentuch: der Japaner bekämpft eine laufende Nase lieber, in dem er hochzieht, weil er es für unhygienisch hält, ein voll geschneuztes Taschentuch mit all den Viren und Bakterien in die Tasche zu stecken und mit sich herumzutragen, wie wir das gerade in der Erkältungszeit tun.

Transit bedeutet für mich, nicht hier noch dort zu sein; als Gast in einem fremden Land wie Japan oder Korea musste ich nicht Sitten und Gebräuche übernehmen, aber meine deutschen bzw. europäischen Werte durchaus einmal hinten an stellen. Vielleicht geht es der türkischen Komponistin Zeynep Gedizlioglu, deren Werk wir vor der Pause gehört haben, und die in Deutschland schon lange lebt, ähnlich.

Neben den persönlichen Transit-Erfahrungen konnte ich in Ostasien das Transit-Phänomen auch in der Gesellschaft und in der Politik beobachten: gewachsene Strukturen versuchen mit den modernen Anforderungen zurechtzukommen, soziale Bindungen gehen wegen des rasanten Fortschritts verloren. Vermeintlich bereits im Niedergang respektive Übergang befindliche Regime behaupten sich: teils durch Transformation, wenn ich an die Volksrepublik China denke, oder durch Abschottung und ideologische Überhöhung wie in Nordkorea. Hier wird der Bevölkerung eingetrichtert, dass allein die religiös verehrte Familie der Kims das Überleben des nordkoreanischen Volkes angesichts der ausländischen Bedrohung sichern kann.

Wir sehen den nordkoreanischen Staat meist als etwas Anachronistisches, als etwas, das keine Zukunft hat, sich also schon in einem Transitionsprozess, in einem Übergangsstadium befindet. Die nordkoreanische Elite hat ein ganz anderes Bild von sich und ihrem Regime: nämlich das der Stabilität in einer ansonsten chaotisch, sich immer wieder ändernden Welt.

Ich konnte noch zu Lebzeiten von Kim Jong Il als Korrespondent mehrmals nach Nordkorea reisen und mir auch das Land unter seinem Sohn und aktuellem Führer, Kim Jong Un, anschauen. Wer als Journalist nach Nordkorea einreist, muss sich auf ständige Begleitung einstellen. Bei meinen Besuchen waren es zwei Personen, die sich um mich „gekümmert“ haben. Gegenseitige Kontrolle und die Gefahr der Denunzierung verhindern in der Regel, dass man irgendetwas anderes als die offizielle Parteilinie erfährt. Das Perfide an dem Überwachungsstaat Nordkorea liegt darin, dass es keine bewaffneten Posten am Hoteleingang oder auf den großen Plätzen der Hauptstadt gibt. Wer es darauf anlegt, kann verbotenerweise allein die Straße entlang laufen – zumindest ein kurzes Stück, bis man von einem der vielen zivilen Beamten aufgehalten wird. Nordkorea ist kein Abenteuer-Spielplatz, auch wenn die Tourismus-Branche als einer der wenigen Industriezweige derzeit boomt.

Nordkorea ist aber auch kein statischer Block, der von ewig Gestrigen regiert wird. Als ich 2014 einreiste und auch am Marathon in Pjöngjang teilnahm – in dem Jahr war die Veranstaltung erstmals für Amateure geöffnet worden – konnte ich von dort direkt all meine Eindrücke twittern, einen Blog schreiben und natürlich im Radio berichten. Die Mobilfunk-Verbindung in der Hauptstadt war stabil und leistungsfähig. Diese Möglichkeiten bestanden allerdings nur für ausländische Besucher und wurden bald wieder eingeschränkt. Handys, Smartphones, ja selbst ein auf Nordkorea beschränktes Internet existieren aber weiterhin. Die nordkoreanische Propaganda hatte auf Youtube einen eigenen Kanal und stellt bis heute unter uriminzokkiri.com Videos mit ihrer Version der Wahrheit ins Netz.

Auch in Nordkorea gibt es also Wandel, aber von Transit zu sprechen, ist aus meiner Sicht verfrüht. Meinen Aufpassern war am Ende meiner Besuche in Nordkorea immer die Erleichterung anzumerken, wenn sie mich an der Passkontrolle am Flughafen vor dem Transitbereich wieder absetzen konnten, ohne dass sich ein größerer Zwischenfall ereignet hatte. Bei mir fiel die Anspannung allerdings erst dann so richtig ab, wenn ich im Flugzeug saß und unter mir die karge, braune Landschaft des ausgelaugten Landes zu sehen war. Freiheit zu empfinden, frei von Angst zu leben ist ein Geschenk, das wir in der deutschen Demokratie, in unserem Rechtsstaat vielleicht manchmal als allzu selbstverständlich nehmen.

In Japan, der von außen betrachtet westlichsten Demokratie in Ostasien, hat die Staatsmacht für mich als Ausländer etwas Einschüchterndes – vielleicht wegen der jahrzehntelangen, allerdings demokratisch legitimierten Ein-Parteien-Herrschaft. Wahrscheinlich hatte dieses Gefühl auch damit zu tun, dass ich im Konfliktfall – und den gab es zum Glück nur ein paar Mal – nicht in meiner Muttersprache argumentieren konnte, sondern mich trotz meiner rudimentären Japanisch-Kenntnisse sofort in der Rolle des Unterlegen befand. Auch das ist eine Erfahrung, die ich zwar nicht jedem wünsche, die aber dazu beitragen kann, sich zurück im vertrauten Umfeld – in meinem Fall in Deutschland – besser in die Rolle eines Gastes oder Ausländers hineinversetzen zu können.

Das Wort Transit wird im Rahmen der Politischen Wissenschaften noch in einem weiteren Zusammenhang gebraucht: als System-Übergang. Südkorea ist oder war so ein Transit-Land: gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch.De jure befindet sich der Staat noch im Kriegszustand. Der Korea-Krieg 1950 bis 53 wurde lediglich durch ein Waffenstillstandsabkommen eingefroren. Die Grenzen zwischen dem Norden und dem Süden sind noch immer strittig.War Südkorea lange Zeit ein rückständiger Agrarstaat, gehört es heute als erfolgreiche Industrienation zu den G20-Staaten.

Isang Yun, der koreanische Komponist, der als Leitmotiv immer wieder auf der diesjährigen Cresc:Biennale auftaucht, hatte sich Zeit seines Lebens für die Aussöhnung auf der koreanischen Halbinsel eingesetzt. Und er musste am eigenen Leib erfahren, wie wenig so eine Haltung in den 1960er und 70er Jahren in Südkorea akzeptiert war. Im damals noch autokratisch geführten Staat galten Menschen mit Verbindungen oder gar Sympathien für den Norden als Schwerverbrecher. Bis heute muss man von Seoul aus über Peking nach Pjöngjang fliegen. Das Gesetz ist noch in Kraft, das den Besitz und die Verbreitung von nordkoreanischer Propaganda in Südkorea unter Strafe stellt. Anfang 2017 wurde nach langer Zeit wieder ein südkoreanischer Buchhändler angeklagt, weil er über das Internet nordkoreanische Publikationen verbreitete, obwohl diese auch in südkoreanischen Bibliotheken einsichtig sind.

Auch das gehört für mich zum Thema Transit: selten stellt sich eine Situation auf den zweiten Blick so eindeutig dar, wie sie zuerst erscheinen mag.

2008 wurde in Südkorea Lee Myung-bak Nachfolger von Präsident Roh Moon-hyon, dem letzten Verfechter der sogenannten Sonnenscheinpolitik. Lee war ein konservativer Politiker, unter dessen Amtszeit sich der Zustand der friedlichen Koexistenz zwischen Nord- und Südkorea wieder in einen kalten Krieg verwandelte. Mit seiner Nachfolgerin, der ersten Präsidentin Südkoreas und der ersten Präsidentin, die auf Grund eines Amtsenthebungsverfahrens vorzeitig aus dem blauen Haus ausziehen musste, verschlechterte sich das Verhältnis zum totalitären Nachbarn weiter. Seit kurzem ist wieder ein eher links-liberaler Präsident in Südkorea an der Macht, der durchaus an der Sonnenschein-Politik anknüpfen wollen würde, wenn denn der engste militärische Partner Südkoreas damit einverstanden wäre. Die Rede ist vom Irrlichternden US-Präsidenten. Zuerst behauptete Donald Trump, dass er sich durchaus „geehrt“ fühlen würde, Kim Jong Un zu treffen. Dann drohte er wörtlich „…with fire and fury like the world has never seen before.“ Mit Feuer und Zorn, wie sie die Welt noch nie vorher gesehen hat. Auf seiner Asienreise vor zwei Wochen schlug Donald Trump dann wieder versöhnliche Töne gegenüber dem nordkoreanischen Diktator an. Eine nachhaltige Strategie hinsichtlich eines mit Atomwaffen und Langstreckenraketen ausgestatteten Landes scheint der US-Präsident noch nicht gefunden zu haben. Ich hoffe aber sehr, dass mit Hilfe der diplomatischen Kanäle über die UNO in New York trotz all des Säbelrasselns am Ende Schlimmeres verhindert werden kann.

Was hat dieser kleine, geschichtliche Exkurs mit Transit zu tun, mögen Sie sich fragen. Transit bedeutet für mich auch Perskeptiv-Wechsel. Versucht man einmal die Haltung der anderen Seite einzunehmen, in dem Fall von Nordkorea, dann ist die einzige Konstante bei den ständigen, politischen Richtungsänderungen in den USA oder Südkorea das eigene System.Und geht man davon aus, dass Kim Jong Un ein rationaler, wenn auch extrem grausam handelnder Akteur ist, dann stellt die nordkoreanische Politik mit ihren klar definierten Zielen derzeit den einzig berechenbaren Faktor dar.

Die Vermittlung der anderen Sichtweise, ohne diese zunächst als richtig oder falsch darzustellen, war mir ein Anliegen in meiner sechsjährigen Korrespondentenzeit. Dafür habe ich mich gerne immer wieder in die Transit-Zone begeben. Die Einordnung, meine persönliche Einschätzung konnten dann im Gespräch oder in Form eines Kommentars erfolgen.

Der Hauptsitz des ARD-Korrespondenten für Ostasien ist Tokio. Auf den ersten Blick wirkt Japan westlich, vertraut. Je länger man dort lebt, desto deutlicher treten aber die Unterschiede zu Tage. Es ist das Privileg eines Auslandskorrespondenten, mit dem Blick von außen und zeitlich befristet auf die Gesellschaft, die Gewohnheiten und das System des Gastlandes blicken zu dürfen. Man darf alle Fragen stellen, auch wenn man nicht immer Antworten erhält; sich über manche Eigenheit wundern und wird in der  Auseinandersetzung mit dem anderen im Idealfall mit den eigenen, bisher nicht-hinterfragten Grundsätzen konfrontiert. Dabei bleibt man immer Beobachter.

Meine Frau und ich haben Japan: das Land, die Menschen und ihre Kultur, sehr zu schätzen gelernt. Wir haben kurzzeitig überlegt trotz oder gerade wegen der 3fachen Katastrophe vom 11. März 2011 mit dem schweren Erdbeben, dem Tsunami und der Atomkatastrophe von Fukushima, uns dort niederzulassen. Aber uns war klar, dass wir dann bis ans Ende unserer Tage Außenseiter bleiben würden. Vielleicht liegt es an der Insellage, aber die japanische Gesellschaft ist sehr auf sich bezogen und mit sich beschäftigt. Auch dort fordert unsere Transit-Zeit ihre Antworten. Dem Fachkräftemangel bzw. der demographischen Entwicklung wird in Japan mit großem Erfindungsreichtum und technischer Raffinesse begegnet, aber kaum in Erwägung gezogen, das Land für mehr Zuwanderung zu öffnen.

Die Korrespondentzeit ist in der Regel befristet. Das heißt, es geht irgendwann zurück in die alte Welt. Transit wird auf die Zeit bezogen als endlich, eine Spanne von Wochen, Monaten vielleicht Jahren verstanden. Die Transit-Zeit erfordert besondere Anstrengungen, bietet aber auch große Chancen. Für uns war am Ende klar, dass wir nach der Zeit in der Fremde, in der Millionenmetropole Tokio, jetzt die Heimat auf dem Land erleben wollen. Deshalb haben wir uns einen kleinen Bauernhof im Bayerischen Wald gesucht und leben dort seit drei Jahren mit Schafen, Hühnern, Hund und Katze. Dank Internet und der richtigen Infrastruktur müssen wir aber nicht ganz auf die große, weite Welt verzichten. Ob damit das Transit-Leben für uns zu Ende gegangen ist oder nur eine neue Übergangsphase begonnen hat, kann ich jetzt noch nicht sagen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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