Kreislauf zur Selbstversorgung

Kreislauf zur Selbstversorgung

… soweit wollen und werden wir es nicht treiben. Selbstversorgung ist angesichts unserer Feuchtwiesen kaum möglich. Aber morgens den etwas langweiligen Vanille-Joghurt aufpeppen zu können, indem Silke aus dem Garten ein paar Erdbeeren holt (und das Mitte August!), ist eine feine Sache. Das Mittagessen besteht in der Regel aus selbst angebauten Kartoffeln, die deutlich besser schmecken als die Gekauften. Dafür müssen wir auch in Kauf nehmen, dass der Drahtwurm das ein oder andere Loch in die Knolle getrieben und die feuchte Witterung die Kartoffelfäule begünstigt hat. Als Beilage gibt es Kohlrabi, sobald dieser im Gewächshaus reif geworden ist und Erbsen, die im Kartoffelbrei aber höchstens für ein paar Farbtupfer sorgen angesichts der geringen Ausbeute. Salatköpfe konnten wir bereits früh im Jahr ernten, aber jetzt wachsen die Pflanzen trotz der Sonne und regelmäßigem Gießen nur ganz langsam.

Wenig Wachstum im Sommergarten
Wenig Wachstum im Sommergarten

Das gilt auch für Mizuna, Radieschen oder dem Stielmus, die angeblich auch noch im August eingepflanzt werden können. Aber wir lernen ja neben Geduld auch die Relativität der Gartentipps zu akzeptieren. Schauen endlich ein paar Blättchen aus dem Boden, werden sie von wem auch immer punktiert und verlieren an Kraft. Es ist ein zäher Kampf, zu dem wir uns entschlossen haben, gegen Insekten, Schnecken, Pilze oder Bakterien, die alle etwas von unserem Anbau abhaben wollen. Das kennt letztlich jeder Hobby-Gärtner, und der Einsatz von chemischen Hilfsmitteln wirkt auf einmal extrem verführerisch.

Suchbild mit roten Tomaten im Gewächshaus
Suchbild mit roten Tomaten im Gewächshaus

Da wir aber nicht auf Selbstversorgung setzen bzw. vom Verkauf des landwirtschaftlichen Ertrags leben müssen, können wir uns den Luxus leisten, ohne Pestizide oder Fungizide aus zu kommen. Also sammelten wir die Kartoffelkäfer ebenso per Hand ab wie die Raupen des Kohlweißlings. Am Ende steht das Bewusstsein, wie viel Aufwand diese Art des Anbau bedeutet gepaart mit dem doppelten Genuss beim Verspeisen angesichts des Geschmacks und der eigenen Mühe – auch das eine Binse für alle, die selbst schon einmal Gemüse angebaut haben.  Mittlerweile beginnen endlich auch einige Tomaten im Gewächshaus sich rot zu verfärben, und so gab es zum Abendessen Tomatensalat mit Zwiebeln, die hinter dem Gastank in einem Betonring gewachsen sind, während die Karotten trotz des Schutzwalls wieder der Wühlmaus zum Opfer gefallen sind.

Jede Pflanze ist Leben, und wenn der Ahornbaum auf der Wiese oder die Obstbäume vorm Haus keine tiefen Wurzeln schlagen wollen, so trifft uns das.  Noch schmerzlicher wird es, wenn das Leben laufen kann (ob Hund, Hahn oder Schaf). Mit jedem Schritt wächst die Sorge. Wer über Selbstversorgung nachdenkt, kommt aber an Eiern bzw. den Hühnern nicht vorbei. Seit dem April 2015 haben wir unsere sieben Hühner und den einen Hahn jetzt schon. Selbst im Winter waren vier, fünf Eier keine Seltenheit. Seit ein paar Wochen liegt aber bestenfalls ein Ei im Legekasten. Welche Krankheit könnte die Tiere befallen haben? Regelmäßiges Stallausmisten ist ohnehin obligatorisch, aber vorsichtshalber haben wir die Ecken auch noch desinfiziert. Doch eine Veränderung war nicht festzustellen und krank wirkten die Tiere, wenn sie so durch die Wiesen streifen auch nicht.

Schafe im Ziegenlook
Ausflug der Küken

Also haben wir das Futter umgestellt und die Hühner auf Diät gesetzt, damit sie sich teilweise  wieder selbst die richtige Nahrung suchen. Auch das änderte nichts und zu den Sorgen mischte sich Verzweiflung, die sich emotional ihre Bahn brach, als wieder eine der Hennen auf einer anderen ordentlich herumhackte. Mittlerweile sind wir überzeugt, dass die Ei-Produktion ihr natürliches Ende erreicht hat. Die Hühner waren knapp ein Jahr, als sie zu uns gekommen sind, und Australorps gelten nicht als ausgeprägte Legehennen. Es dauerte aber, bis wir überhaupt auf den Gedanken kamen, dass auch hier der Kreislauf des Lebens den Takt vorgibt. Wir hatten gerade noch rechtzeitig, 12 Eier zusammensammeln können, um wohl drei Hennen und einen Hahn mit Hilfe der Brutmaschine zum Schlüpfen zu bringen.

Die Küken gleichen mittlerweile in Form und Gestalt den Alten, sind aber noch um die Hälfte kleiner. Eier legen werden sie wohl erst im Frühling, wenn sie ein halbes Jahr alt sind. Bis dahin muss uns unsere Nachbarin aushelfen, und wir müssen uns klar werden, dass die Zeit ständig voranschreitet und der Augenblick, der gerade ein angenehmes Gleichgewicht erreicht hat, eben nicht verweilt. Wir müssen also  immer schon an die nächste Generation denken und werden folglich die Brutmaschine wieder anwerfen und auf gut Glück Eier vom Fleckenhof ausbrüten lassen.

Der Hahn "Arnie" in voller Pracht
Der Hahn „Arnie“ in voller Pracht

Trockenes Heu in den Stall einlagern zu können, war in diesem Jahr eine kaum lösbare Aufgabe. Immer wieder hat es geregnet, oder der Tau durchtränkte angesichts der tiefen Temperaturen nachts die Halme und Gräser.  Dank zwei hintereinander folgende Sonnentage haben wir gemäht, gerecht und eingefahren. Dennoch mussten wir das Heu im Stall bestimmt fünf Mal wenden, ehe es einigermaßen nachgetrocknet ist und hoffentlich den Schafen im Winter munden wird.

Zehn Schafe werden wir nicht über den Winter bringen. Die drei Böcke haben ihre Aufgabe bereits erfüllt, obwohl sie noch kein halbes Jahr alt sind. Nacheinander wurden die weiblichen Tiere unbeirrbar verfolgt, umrundet und wann immer möglich besprungen, obwohl die Böcke noch ziemlich klein wirkten. Mal hielten die Damen still, mal nahmen sie angenervt Reißaus. Dabei haben sich zwei der Schafe ein Bein vertreten. Zehn Tage machten wir uns im ersten Fall Sorgen; überlegten hin und her, ob wir etwas unternehmen müssen oder nicht; verfluchten die Testosteron geschwängerte, männliche Jugend; dann hatte die Zeit ihre Wirkung getan und das Problem für uns gelöst.

Gestern war der Schafscherer da und hat den drei Böcken auch die Schlachtmarken verpasst. Im Herbst wird ihr Schicksal besiegelt sein. Das aufdringliche Verhalten der Jungböcke macht die Entscheidung etwas leichter, aber wer ist schon gern Richter über Leben und Tod. Dementsprechend schwer tun wir uns mit der Frage, welches weibliche Tier ebenfalls zerlegt in die Tiefkühltruhe wandert. Entweder wir ringen uns bald durch, bevor die ungeborenen Lämmer größer werden, oder es bleibt bei einer Herde von sieben. Dann ist die Entscheidung aufs nächste Jahr verschoben, wenn im Januar oder Februar wohl wieder Nachwuchs die Anzahl erhöht und die Auswahl zum Schlachten keinen Aufschub mehr erlaubt.

Fressen im Gleichklang mit der gleichen Frisur
Fressen im Gleichklang mit der gleichen Frisur

Mit der Hobby-Landwirtschaft geht also auch die Entscheidung über über Leben und Tod einher. Das war uns theoretisch zwar klar, aber in der Praxis sieht es wie so oft wieder anders aus. Da wir das Lammfleisch auch selbst essen, fällt die Entscheidung nicht ganz so schwer – zumal der Metzger den blutigen Teil der Arbeit übernimmt. Im Falle der Hühner sieht das anders aus. Hier liegen Entscheidung und Durchführung bei uns. Eines der Hühner kann nicht mehr richtig laufen. Wir nehmen an, dass es sich den Fuß gebrochen hat, als der Hahn sich mal wieder auf sie setzte. Da „Humpel-Huhn“ bisher aber noch ganz zufrieden aussieht, haben wir das Schlachten aufgeschoben oder ehrlicherweise noch nicht getraut. Es muss aber sein, wenn wir am Prinzip des Kreislaufs festhalten wollen. Dann ist die nächste Bestimmung unserer nicht mehr Eier-legenden Hühnerschar die Form des Suppenhuhns im Kochtopf.

Geschorene Schafe am Ort des Geschehens
Geschorene Schafe am Ort des Geschehens

Jenseits der Tier- und Pflanzenwelt haben wir uns angesichts des urlaubsbedingten Mehrs an freier Zeit auch wieder mit dem Innenleben des Hauses beschäftigt. Ein Zimmer stand noch aus. Dort hatten wir bisher weder geweisselt noch den Boden ausgetauscht. Das stand letzte Woche auf dem Programm. Die zahlreichen Löcher in den Wänden verschwanden, das Grau der Vorbesitzer wich einem strahlenden Weiß und zuletzt musste noch der PVC-Boden dran glauben. Nachdem wir mit Laminat ausreichend Erfahrung gesammelt haben, war klar, dass wir dieses Mal Holzparkett verlegen wollen.

Damit ist der Raum am Ende des unteren bewohnbaren Teils des Hauses deutlich aufgewertet und unsere Fantasie angeregt, was wir daraus alles machen wollen, auch wenn das Zimmer erst einmal wie bisher als Abstell- und Arbeitsraum genutzt werden wird. Es ist wohl so, dass der Mensch oder zumindest wir mit Vollendung der einen Sache schon wieder über die nächste nachdenken…

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