Corona zum Trotz

Corona zum Trotz

Wir brauchen eine breite Diskussion über den notwendigen, gesellschaftlichen Wandel

Angesichts der scheibchenweisen Verschärfung der Hygieneverordnung stelle ich mir die Frage, ob es nicht auch anders gegangen wäre. Die Pandemie treibt nun schon seit einem dreiviertel Jahr die Politik vor sich her und nimmt uns die gewohnte Luft zum Atmen. Die Sommermonate waren trügerisch; auch wenn der Urlaub nicht so abgelaufen ist wie normal, hatten doch viele inklusive der handelnden PolitikerInnen das Gefühl, schon irgendwie durchzukommen. Obwohl die 2. Welle noch nicht einmal abgeebbt ist, sprechen einige schon von der 3. Welle, während andere die Impfstoffe zur Alleinseligmachenden Medizin stilisieren. Nur selten kann man etwas lesen oder hören, wo sich jemand mit der unvermeidlichen Endlichkeit auseinandersetzt, mit der Frage, welches Leben wir eigentlich führen wollen, welcher Umgang mit dem Altern und seinen dazu gehörenden Gebrechen angebracht sein könnte oder welches Maß an Verantwortung wir eigentlich an die Politik abtreten wollen. Themen, die schon vor dem Corona-Ausbruch dringend diskutiert hätten werden müssen, aber jetzt angesichts der akuten Krise ideologisch belastet sind.

Der Beifall für die Pflegenden ist längst verhallt, das Geld für die Aufstockung der Löhne kaum bei den Betroffenen angekommen. Wer da eigentlich unter welchen Bedingungen gepflegt wird, und ob dieses „Dahin-Vegetieren“ noch menschenwürdig ist, sind nach wie vor Tabuthemen. Der Fokus liegt auf dem Erhalt des Lebens unter allen Umständen und unter Einsatz aller Apparate. In den USA muss man sich als Individuum diese Unbedingtheit leisten können, in Deutschland vermittelt einem das Gesundheitssystem den Eindruck, dass jeder Anspruch darauf hat. Dieser Eindruck war schon vor Corona-Zeiten trügerisch. Denn auch in Deutschland gibt es eine Zwei-Klassen-Medizin. Die Krise erweitert diese Zwei-Klassen zu einem multiplen System von möglichen Gewinnern und Verlierern. Denn die Rettung des einen kann zumindest mittelbar den Untergang eines anderen nach sich ziehen, wenn Operationen verschoben werden müssen, die gestiegene häusliche Gewalt im Lockdown ihre Opfer fordert und die zusätzlichen psychischen Belastungen oder der wirtschaftliche Ruin Existenzen gefährdet. Die sogenannten Kollateralschäden der Pandemiebekämpfung sind zahlreich und vielschichtig.

Da kann man schon einmal den Weg verlieren

Was mir neben der grundsätzlichen Diskussion fehlt, ist die Perspektive. Der Impfprozess wird schon aus logistischen Gründen mehr als ein Jahr dauern. Außerdem ist längst nicht gesagt, dass alle freiwillig mitziehen werden. Wir werden also noch eine lange Zeit mit dem Corona-Virus leben müssen. Die Frage ist nur wie! Die Wirkung von Mund-Nasen-Masken nach dem FFP2-Standard ist wissenschaftlich belegt. Das Tragen dieser Masken schützt sowohl einen selbst als auch die anderen. Warum also nicht diese Maßnahme verpflichtend einführen, dafür aber alles andere in die Verantwortung des Einzelnen legen. Ich muss dann nicht ganze Wirtschaftszweige lahmlegen und gleichzeitig mit Steuergeldern den Ausfall kompensieren. Diese Eigenverantwortung bedeutet aber auch, dass ich für die Konsequenzen selbst verantwortlich bin, wenn ich mich nicht ausreichend schütze und an Covid-19 erkranke. Das heißt in der Konsequenz, dass ich nicht erwarten darf, dass Beatmungsgeräte und freie Klinikbetten in unbegrenzter Zahl zur Verfügung stehen. Meine Gesundheit liegt ein Stück in meinen Händen, und nicht allein bei ÄrztInnen sowie Medikamenten. Diese Haltung würde uns auch bei den vielen Volkskrankheiten wie Diabetes Typ 2 oder den koronaren Herzerkrankungen helfen.

Eigenverantwortung bedeutet auch, dass ich mich bei der politischen Willensbildung einbringen muss und das nicht allein über Wahlen. Die Möglichkeit der Bürgerforen oder Entscheidungsgremien besetzt durch Losverfahren werden hin und wieder diskutiert, erfordern aber von der Politik, freiwillig auf ein Stück Macht zu verzichten; eine Kombination, die in unserer Kulturgeschichte bisher selten vorgekommen ist. Wer also könnte diese Veränderung befördern? Die Medien haben sich in den Fallstricken der Politik und den Selbstverpflichtungen verfangen oder rennen den vermeintlichen Aufregern im Netz hinterher. Viele Institutionen sind Teil des Systems und deshalb ähnlich wie die Parteien nur bedingt an grundsätzlichen Änderungen interessiert. Es bleibt also nur jeder einzelne von uns, der sich mit den Fragen der Zeit auseinandersetzen muss, um dann als ungeführte Masse vielleicht den Stein ins Rollen bringen zu können.

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