Herdentrieb im Kleinen und Großen

Herdentrieb im Kleinen und Großen

Maßnahmen zu Covid19 – eine Glaubensfrage?

Ich halte nichts von Verschwörungstheorien, auch wenn sich die aktuelle Situation rund um das Corona-Virus für deren Entwicklung hervorragend eignet. Aber der politische Umgang mit der Krise und die mannigfaltigen Informationen, die nur selektiv wahrgenommen werden (können), animieren zum Gedanken-Treiben-Lassen. Es ist interessant, dass das Prinzip des Herdentriebs nicht nur auf Menschen, sondern offensichtlich auch auf Staaten angewandt werden kann. Während wir Klopapier, Wein oder Kondome horteten, überboten sich die wiedererwachten Nationalstaaten mit ihren Ausgangsbeschränkungen und Verboten.

Wiedererwachte Nationalstaaten

Einer machte den Anfang (ich glaube, es war der österreichische Kanzler Kurz) und wie die Dominosteine fielen die anderen nacheinander um und verpassten ihrem Land eine ähnliche Abschottung und (Teil-)Schließung. Die, die sich wie die schwedische oder zu Beginn die niederländische Regierung dagegenstemmten, wurden argwöhnisch beäugt, und je weiter die Krise fortschritt, desto größer wurde der mediale und (im Sinn einer Staatengemeinschaft) öffentliche Druck, den Sonderweg zu beenden beziehungsweise als Irrweg zu verteufeln.

Frage der Alternative

Ich will damit nicht sagen, dass die Einschränkung des sozialen Lebens z.B. in Italien falsch gewesen ist. Angesichts der Situation des Gesundheitssystems dort musste gehandelt werden. Die ersten Erfolge im Kampf gegen die Pandemie lassen vermuten, dass die Maßnahmen etwas gebracht haben. Ob es auch anders gegangen wäre, wird sich – wenn überhaupt – erst später herausstellen.

Wie eine Herde bestärken sich die Nationalstaaten weltweit in ihrer Stampede. Nur durch äußere Faktoren kann so ein Galopp in seiner Richtung geändert oder zum Stehen gebracht werden. Aber die äußeren Faktoren sind abhängig vom Blickwinkel und Schwerpunkt, den man setzt. Wenn man einmal den Weg der Beschränkungen eingeschlagen hat, ist es schwer bis unmöglich, die Richtung zu wechseln. Denn dann müsste man eingestehen, dass die eingeforderten und von der Bevölkerung auch erbrachten Entbehrungen umsonst waren.

Öffnungsdiskussionsorgien sind nötig

In der Konsequenz sind die Regierungen auch wenig geneigt, zum jetzigen Zeitpunkt Diskussionen über Alternativen zuzulassen. So kann ich mir zumindest die merkwürdige Haltung der deutschen Bundeskanzlerin hinsichtlich der von ihr titulierten „Öffnungsdiskussionsorgien“ erklären. Da alle Parteien im Bundestag – warum auch immer – sich hinter den Corona-Krisen-Kurs der Regierung gestellt haben, kommt im Parlament keine echte Debatte über andere Krisen-Modelle zustande, wird medial kein ehrlicher Vergleich mit Ländern wie Schweden und ihrem Krisenmanagement gezogen. Da passt es ins Bild, dass über die KoCo2019-Studie in München seit dem Beginn nichts mehr zu lesen ist.

KoCo2019-Studie in München

Am 5. April startete die Befragung von 3000 Haushalten in den Münchner Stadtteilen, um unter anderem die Dunkelziffer der mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen zu ermitteln. Auch wenn die Studie als Langzeitprojekt angelegt und angekündigt worden war (die Befragungen sollen in einem Jahr mehrfach wiederholt werden), sollten erste Erkenntnisse bereits nach zwei bis drei Wochen vorliegen. In der Pressemitteilung des verantwortlichen Tropeninstituts der LMU heißt es:

Die Ergebnisse der Studie werden regelmäßig in einem Beratungsgremium, bestehend aus dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, dem Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München, der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem Helmholtz Zentrum München diskutiert.

Pressemitteilung Tropeninstitut der LMU Stand 24.04.2020

Man ist versucht hinzuzufügen: und je nach Ergebnis der Öffentlichkeit mitgeteilt oder auch nicht. Denn, wenn erste Ergebnisse nicht ins Bild passen, ist es besser zu warten, um den eingeschlagenen Weg nicht in Frage zu stellen.

Die Angst vor einer falschen Entscheidung und der dadurch entfesselte Herdentrieb ist nachvollziehbar. Es geht nicht nur um Menschenleben, sondern auch um Millionen von Existenzen, die vernichtet oder zumindest ihrer Grundlage beraubt worden sind oder noch werden. Da will man als Politikerin oder Politiker keinen Fehler machen und schon gar keinen Fehler zugeben. Und von Fehlern zu sprechen, dafür ist es in der Tat noch viel zu früh.

Einordnung in 50 Jahren möglich

Was man hätte anders tun können, wird sich erst nach 50 Jahren herausstellen, wenn die HistorikerInnen all die Langzeitfolgen untersucht und diskutiert haben. Mich stört, die bewusste oder durch den Herdentrieb unbewusst verursachte Einengung der Perspektive verbunden mit dem Ausblenden von anderen Möglichkeiten und Hinweisen. Noch einmal: die getroffenen Maßnahmen haben für Deutschland ihre Wirksamkeit bewiesen: viele Intensivbetten sind leer, die Krankenhäuser auf einmal nicht mehr voll ausgelastet und die Rehabilitationskliniken müssen wie viele andere Unternehmen große Einkommensverluste verkraften und fordern staatliche Unterstützung.

Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre

Auch hier gilt das Herdenprinzip in Kombination mit der Logik der Pendelbewegung. Viele erinnern sich an die im Nachhinein als kontraproduktiv ausgewiesenen Maßnahmen zur Behebung der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren. Deshalb versucht man dieses Mal der selbst herbeigeführten, weltweiten Wirtschaftskrise mit großen Hilfspaketen zu begegnen. Am Ende muss auch diese der Steuerzahlende begleichen. Wieder überbieten sich die erwachten Nationalstaaten mit ihren Maßnahmen, und es gelingt kaum ein abgestimmtes Vorgehen in einem multilateralen Organismus wie der EU zu vereinbaren. In 50 Jahren werden wir mehr wissen und uns gegebenenfalls wundern, warum man damals (heute) nur so kurzsichtig war.

Der richtige Umgang mit den Zahlen

Interessant ist, dass in der Krise die Macht der Zahlen noch einmal gewachsen ist. Dabei ist eine Null oder Eins nichts ohne den Zusammenhang. Jedes Medium präsentiert den neusten Stand der Infizierten und der Toten. Der monoton vorgetragenen Beipackzettel zu den Zahlen wird ausgeblendet, weil er ohnehin nur Verwirrung stiftet. Welche Zahl ist jetzt noch einmal entscheidend? Die Fallzahl oder die Reproduktionszahl? Und was ist mit der Übersterblichkeitsrate? Jeden Tag werden die Todeszahlen „in Verbindung mit Covid19“ – wie es mittlerweile heißt – vorgetragen, aber nicht eingeordnet. Denn wer weiß schon, wie viele Menschen täglich in Deutschland sterben, und ob die Covid19-Toten dazugezählt werden müssen oder bereits ein Teil davon sind.

Wie hoch ist die Sterblichkeit wirklich

Vielleicht ist die Gesamtzahl der Toten gar nicht viel höher als in den Monaten vor der Krise. Für Deutschland scheint das zumindest der Fall zu sein. Normalerweise sterben hierzulande auf Grund verschiedener Ursachen täglich rund 2.500 Menschen. Im März sind in NRW die täglichen Todeszahlen trotz des Corona-Ausbruchs in Heinsberg nicht angestiegen. Angeblich zeichnet sich auch für den April keine deutliche Erhöhung ab. Es könnte sein, dass viele der Menschen, die an Covid19 gestorben sind, unter normalen Umständen an einer anderen Krankheit gestorben wären. Vielleicht führen die Ausgangsbeschränkungen zu weniger Verkehrstoten oder tödlichen Arbeitsunfällen. All dies und noch vieles mehr muss bei der Interpretation von Statistiken berücksichtigt werden.

Die Macht der WissenschaftlerInnen

Dass uns noch viele wesentliche Daten fehlen, räumen auch die WissenschaftlerInnen ein, die (un)freiwillig einen Teil der Macht in diesem Land übernommen haben. Und das ist ein weiteres Problem. Denn die gewählten Volksvertreterinnen und Volksvertreter repräsentieren zumindest ein breiteres Bild der Bevölkerung und haben verschiedene Interessen wie Sichtweisen. Die Epidemiologen und Virologen haben als Spezialisten naheliegenderweise den Fokus auf ihrem Fachgebiet. Die Politik hat die zugegebenermaßen schwierige Aufgabe, den Fokus zu öffnen und dabei nicht nur auf die effektivsten Lobby-Vertretenden zu hören. Denn Kinder oder Opfer von häuslicher Gewalt haben keine Lobbyisten in unmittelbarer Nähe zu den Schaltstellen der Macht.

Kommen wir noch einmal zurück zur Sterblichkeitsrate. Die kann nur seriös bestimmt werden, wenn ich die „wahre Zahl“ der Infizierten und nicht nur der positiv Getesteten kenne. Deshalb führt das Tropeninstitut der LMU ja auch die Studie in München durch. Die Standford-University in den USA hat sich ebenfalls bemüht, die tatsächliche Zahl der Infizierten zu bestimmen und über Facebook 3300 Teilnehmende im Landkreis Santa Clara in Kalifornien rekrutiert. Im Ergebnis der Untersuchung kamen die Wissenschaftler auf eine Sterblichkeitsrate von 0,12 bis 0,2 Prozent durch Covid19, was der einer Influenza-Welle entspräche.

Eine Studie für jeden Zweck

Wie bei vielen Studien, die unter Zeitdruck erstellt werden müssen, sind auch bei der Standford-Studie nicht alle wissenschaftlichen Gütekriterien eingehalten worden. Aber da das Ergebnis nicht zu den vom Herdentrieb ausgelösten Maßnahmen passt, wird dieses Manko besonders betont. Und damit wird der Umgang mit der Corona-Krise zu einer Glaubensfrage, die wir bewusst als solche akzeptieren sollten.

Bitte vergessen Sie die gerade in Glaubensfragen so wichtige Toleranz gegenüber Andersgläubigen nicht.

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