Was das Leben hier ausmacht

Was das Leben hier ausmacht

Gumminoppen an Socken sind gewöhnungsbedürftig wenn auch praktisch

Im letzten Beitrag ist zwischen den Zeilen das „aber“ mit seiner Bedeutung zwar zu erahnen gewesen, ich möchte aber (da war dieses Wort schon wieder;-) nach einer längeren Schreib-Pause bewusst versuchen, einmal das Erfüllende und Schöne an dieser Art von Landleben zu beschreiben. Mal sehen, ob es gelingt. Denn wie es leider oft beim politischen Journalismus der Fall ist, fällt es mir auch im Privaten leichter, über Beschwerlichkeiten, Herausforderungen und Unzulänglichkeiten zu schreiben, als die positiven Dinge zu benennen.

Die Natur regelt den Tagesablauf

Damit Hanabi auf dem Laminat und der Treppe nicht mehr so leicht ausrutscht

Mittlerweile wachen Hanabi und ich wieder  im Dunklen auf. Das Licht der Sonne ist erst gegen sechs hinter den Baumreihen am Wiesenrand zu erahnen. Der erste Gang gilt der altersschwachen Blase unseres ersten Hundes. Dann gibt es etwas zu fressen, weil der Appetit diese kleinen, allzu selbstbewussten Terriers auch mit 16 noch nicht wirklich abgenommen hat. Nur wenn dieser Tagesordnungspunkt abgehakt ist, ist Hanabi bereit, zurück ins Bett zu gehen und die nächsten Stunden zu verschlafen, während ich für Silke und mich Kaffee mache. Ob in Tokio, München oder Altschönau der morgendliche Kaffee im Bett mit Zeitungslektüre ist ein Muss und selbst bei Silkes Frühdiensten im Pflegeheim nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten. Diese Zeit ist unsere Zeit, und Silke behauptet immer wieder, dass sie bei den Geräuschen des Kaffeekochens mit Mahlmaschine und pfeifender Espressokanne am besten schläft.

Bewusste Zeit für einen selbst

Als nächstes bekommt Haru in der Scheune ihr Fressen und dann Jackson die morgendliche Portion in seinem Zimmer. Seit einem Monat leben wir jetzt schon mit zwei Hunden sowie unverändert mit einer Katze, einem Hahn, vier Küken, sechs Hennen, acht Schafen zusammen und haben uns (abgesehen davon, dass Hanabi Jackson grundsätzlich doof findet 😉 sehr gut aneinander gewöhnt. Jacksons Napf ist nach dem erst zögerlichen Beschnuppern am Ende wieder so glänzend wie am Anfang. Dann geht es mal mit mal ohne Frühstück meinerseits zu einem knapp einstündigen, schnellen Spaziergang los mit Jackson durch die Wälder des Nationalparks. Auf das Wort „langsam“ reagiert das Riesen-Vieh durchaus, man muss es ihm nur oft genug zu Gehör bringen. Ansonsten ist die Nase meist am Boden und der Drang nach vorne ziemlich ausgeprägt – angesichts der Größe ist es also echt von Vorteil, dass Jackson im Gegensatz zu Hanabi auf Worte reagiert.

Die wieder angewachsene Hühnerschar

Zurück am Haus dürfen die Hühner aus dem Stall, wenn es nicht gerade schüttet. Seitdem Jackson vor dem Haus „Wache schiebt“, ward der Fuchs nicht mehr gesehen. Zumindest haben wir ihn nicht mehr gesehen. Möglicherweise sitzt er im Unterholz am Waldrand in sicherer Entfernung und beobachtet die Entwicklung hier auf unserer kleinen Farm. Wir sind trotzdem guten Mutes und lassen die Hühner wieder frei ums Haus herumlaufen, und die trauen sich auch bis zum neu angelegten Astzaun in den angrenzenden Wald. Mittlerweile legen die Teenager ihre ersten Eier und der zweite Hahn musste um des lieben Friedens willen dran glauben.

Bewegung, frische Luft und Natur mit allem, was dazugehört

Alle zwei bis drei Tage bekommen die Schafe ein neues Areal abgesteckt. Die Wiese ist auf Grund des fehlenden Regens kaum gewachsen, aber unsere Waldschafe finden zum Glück immer noch etwas zu fressen. Zudem hat uns der Nationalpark erlaubt, auch einen Teil der Baum-freien Waldwiese hinter unserem Grundstück zu nutzen, der droht zuzuwachsen. Den Hang hinauf ist es ohne die Hilfe unseres kleinen Traktors kaum möglich, den alten Holzwagen zu verstellen, der nach wie vor unseren Schafen als Regen- und Sonnenschutz dient. Wenn nicht anhaltender Frost schon im Oktober kommt, dann werden die Schafe wohl noch bis Anfang November ohne das Heu in der Scheune auskommen, und wir haben ein besseres Gefühl was unsere Heuvorräte betrifft, sollte der Winter dieses Jahr besonders streng und lange anhaltend verlaufen.

Trotz ihrer Zeit auf der Weide sind die Schafe ziemlich zutraulich geblieben. Vor allem die zwei Lammböcke lassen sich noch immer gerne kraulen und kommen als erste auf einen zu, wenn man über den Zaun steigt. Am Ende der Saison geht ihr Leben allerdings schon wieder zu Ende. Soweit wir es beobachten konnten, haben die Damen zwischenzeitlich still gehalten, so dass die Böcke ihre Aufgabe verrichten konnten. Das heißt, es wird wohl um Weihnachten herum wieder Lämmer geben. Der Kreislauf des Lebens beginnt von vorne. Für die männlichen Vertreter ist er in unserem Fall etwas kürzer als der Kreislauf des Lebens der Weibchen.

Ähnlichkeiten und Unterschiede im Verhalten der Tiere zu den Menschen

Die Tomaten im Gewächshaus haben ihren Zenit schon überschritten

Noch bestimmt der Gemüseanbau bzw. der Garten die Arbeiten am Vormittag. Aber die Tomaten im Gewächshaus haben ihren Zenit schon überschritten und die Kürbisse auf dem Misthaufen sind auch schon groß genug. Bleibt der Hühnerstall auszumisten, Staub zu saugen, Wäsche zu waschen und was sonst bei einem kleinen, aber Strom-unabhängigen Haus mit großem Garten so anfällt. Dann ist es meistens Zeit zum Kochen. Eigentlich wollte ich ja das „aber“ begründen und bin doch nur bei einer Aufzählung der täglichen Verrichtungen geblieben. Zusammengefasst: es ist diese Regelmäßigkeit, die mir derzeit taugt, das Draußen-sein und die unmittelbare Erfahrung der Natur mit ihrem Schmutz und den gefräßigen Raupen, die nun einmal dazu gehören. Mit dieser Arbeit rettet man zwar nicht die Welt, hat aber unmittelbaren Erfolg (wenn man bei dieser Kategorie bleiben will) in Form sichtbarer und essbarer Ergebnisse. Ich will das Geschehen der Welt nicht ausblenden oder aussperren, aber es war immer schon einmal mein Wunsch, den Radius soweit einzuengen, damit ich das, was sich in diesem Radius befindet, so genau wie möglich beobachten und intensiv erleben kann. Genau dazu bietet mir unsere kleine Farm an der Bergerau und die vorübergehende Auszeit die Chance.

Endlich ist die alte Futterkrippe am Waldrand weg
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