Corona: Zeit für Alternativen

Corona: Zeit für Alternativen

Als Gemeinschaft muss man aufeinander Rücksicht nehmen. Daran führt gerade in einer Krise wie der Corona-Pandemie kein Weg vorbei. Abstand zu halten, Maske zu tragen und sich regelmäßig die Hände zu desinfizieren, waren und sind eigentlich die Grundregeln des Zusammenlebens in gesundheitlich schwierigen Zeiten. Ein Blick nach Fernost zeigt, wie effektiv allein diese Maßnahmen sein können, wenn sich alle daranhalten.

Japan: geringe Inzidenzen bei einst niedriger Impfquote

In Japan liegt die Impfquote mittlerweile bei 77 Prozent, aber die Inzidenzen waren schon niedrig, als die Regierung noch über das Impfen nachdachte. Denn das Tragen von Masken und die Desinfikation wurde allgemein akzeptiert. Die Gesellschaft ist darauf angewiesen im Fall von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Tsunami, dass alle zusammenhalten und Rücksicht nehmen. Das funktioniert offensichtlich auch in Zeiten eines gesundheitlichen Notstands: ganz ohne Impfpflicht. Bei uns ist das mit der Rücksicht und der Selbstbeschränkung so eine Sache. Diesem Verhalten mit noch mehr Regeln, Gesetzen und Pflichten beikommen zu wollen, ist aus meiner Sicht der falsche Weg.

Diskussion über die Endlichkeit des Lebens

Ich finde es gut, wenn über die Impfpflicht diskutiert wird. Ich fände es besser, wenn darüber offen (also unter Einbeziehungen aller Sichtweisen) und im größeren Rahmen gesprochen würde. Eine Impfpflicht in Krankenhäusern und Altenheimen wälzt das Problem mal wieder auf die Pflegekräfte und das medizinische Personal ab, ohne dass die Gesellschaft im Ganzen sich mit der Frage beschäftigen muss. Dabei liegt es an jedem Einzelnen auf seine Gesundheit zu achten. Das gilt mit Blick auf Rauchen, Trinken und fehlende Bewegung gleichermaßen (denn auch das hat gesundheitliche Konsequenzen, für die die Allgemeinheit aufkommen muss).

Überlastung des Gesundheitssystems nicht allein wegen Corona

Bisher haben wir es uns leisten können, eine ungesunde Lebensweise zu tolerieren und die Folgen einfach mit Hunderten von Milliarden Euro im Medizin- und Reha-Wesen aufzufangen. Denn man darf nicht vergessen, dass es dabei auch ums Geschäft geht. It’s just good business. So hat sich langsam der Glaube eingeschlichen, dass der Mensch zumindest in Deutschland ein Anrecht auf Gesundheit hat und das Gesundheitssystem bitte genau dafür zu sorgen habe.

Corona trifft noch immer vor allem ältere Menschen mit Vorerkrankungen

Von den bisherigen 100 Tausend Corona-Toten in Deutschland, von denen jedes einzelne Schicksal zu beklagen ist, sind mehr als 60 Prozent über 80 Jahre und mehr als 95 Prozent über 60 Jahre alt gewesen (Quelle RKI) – meist mit Vorerkrankungen. Vielleicht wären viele von ihnen bald an einer anderen Krankheit als Covid19 gestorben. Die Übersterblichkeit in Deutschland ist in nur in einigen Monaten seit dem Corona-Ausbruch etwas höher gewesen. Wie es den Menschen in den vielen Pflegeheimen geht oder ging, interessiert uns kaum. Daran hat sich auch nichts geändert, seitdem der Pflegenotstand fast täglich in den Nachrichten ist. Die Diskussion über ein menschwürdiges Leben im Alter und die Fähigkeit loslassen zu können, führen wir noch immer nicht.

Zeit für alternative Pläne und Herangehensweisen

Die Corona-Pandemie wütet jetzt seit fast zwei Jahren und aus meiner Sicht haben die Rezepte der Politik versagt. Zuerst waren es Kontaktbeschränkungen, dann das Impfen und jetzt die Impfpflicht, mit deren Hilfe alles wieder so wie früher werden soll. Vielleicht ist es Zeit, sich über ein anderes Verständnis Gedanken zu machen. Was wäre, wenn wir akzeptieren, dass der Mensch ein verletzliches Wesen ist, das gerade mit zunehmenden Alter nicht immer von unserer fortschrittlichen Medizin gerettet werden kann; dass Krankheiten, Pandemien zu unserem Lebensstil und zum Leben an sich gehören. Dann wäre es leichter, offen über die Triage zu sprechen, die wir ohnehin schon häufig genug anwenden. Ganz zu schweigen von unserer stillschweigenden Bereitschaft, mit unserem Handeln (Konsum, Klima, Gewinnstreben) Tausende von Menschen tagtäglich in den Tod zu schicken. Aber das geschieht ja für uns namenlos an weit genug entfernten Orten in der Welt und bleibt deshalb meist unberücksichtigt. Ist das nicht Grund genug, trotz oder wegen Corona innezuhalten und einmal grundsätzlich nachzudenken?

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2 Replies to “Corona: Zeit für Alternativen”

  1. Lieber Peter,
    vielen Dank für deine Gedanken. Ich bin – selbstverständlich – geimpft und bald auch geboostert und für mich persönlich entspannt. Mein Bruder ist kürzlich gestorben. Corona war nicht mehr die eigentliche Todesursache, aber das Virus hat ihm schon den entscheidenden Schlag versetzt. Er war 77 und hatte erhebliche gesundheitliche Einschränkungen, passt also in das Schema der Risikopatienten. Trotzdem hätte er ohne die Pandemie noch auf etliche Lebensjahre hoffen können. Inzwischen bin ich für eine allgemeine Impfpflicht, auch wenn es grundsätzlich ohne gehen könnte.
    Was mich hier in Deutschland immer massiver stört, ist die oft geradezu brutale Egozentrizität vieler unserer Mitmenschen, mitunter auch dort, wo wir es nie erwartet hätten. Es gibt zwar immer noch enorm viel Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn, aber die Gegenbewegung ist inzwischen mächtig geworden . Über Jahrzehnte haben wir sehr erfolgreich an unserer vermeintlichen Selbstoptimierung gearbeitet, es war common sense. Solidarität und Gemeinschaft wären Themen, die wieder mehr ins Zentrum rücken sollten.

  2. Lieber Peter, ohisashiburi Liebe Grüße aus Japan, it’s been a while.

    Vielen Dank für Deine Gedanken. Ich stimme Dir in vielem zu. Solidarität und Gemeinschaftssinn sind in der Tat wichtig, gerade in einer Pandemie. Warum mangelt es daran so sehr? Das ist ja, was Du zu Recht beklagst. Weil man Solidarität und Gemeinschaftssinn nicht herbeireden kann. Darüber mehr zu reden, wäre sicher nicht verkehrt, nur wird das m.E. nicht das gewünschte Ergebnis bringen. Du führst als positives Beispiel Japan an. Ja, hier bedarf es keiner Impfpflicht, hier trägt jeder Maske, desinfiziert sich, auch gibt es hier keine Großdemonstrationen von „Querdenkern“. Aber das liegt nicht daran, dass Japaner mehr Empathie oder Nächstenliebe als wir hätten. Sondern zum einen am Erziehungssystem: dazu gehört auch obrigkeitsstaatliches Denken, nicht anzuecken und sich mit kritischen Fragen oder Meinungen zurückzuhalten. Der berühmte Nagel, der heraussteht, wird noch immer eingeschlagen. Ein Grund für die weit verbreitete politische Apathie in Japan. Unter solchen gesellschaftlichen Vorzeichen ist der Umgang mit einer Pandemie erheblich einfacher. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: die ständige, ganz reale Gefahr durch Naturkatastrophen wie Erdbeben. Es ist eine reine Frage des Überlebens jedes einzelnen Bürgers, möglichst konfliktfrei mit dem sozialen Umfeld zusammenzuleben. Sonst drohen Ausgrenzung und Diskriminierung, was in Katastrophen schnell zur persönlichen Katastrophe wird. Japanische Verhältnisse einfach auf Deutschland übertragen zu wollen, funktioniert also einfach nicht. Ob wir das in aller Konsequenz überhaupt wollten, sei dahingestellt. Eines aber könnte auch bei uns zu mehr Einsicht führen: wenn sich die Situation so sehr verschlimmert, dass auch der letzte „Querdenker“ begreift, dass es nur miteinander geht, nicht gegeneinander. Man sollte meinen, dass es dafür einfach nur etwas Verstand benötigen würde. Aber daran mangelt es vielen offenbar. Jemand hat mal einen Vergleich zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen, als die Menschen zusammenhielten. Ich glaube, das war Frau Merkel. Bedarf es wirklich erst wieder einer Katastrophe von der Heftigkeit eines Krieges, bis wir endlich zur Einsicht kommen?

    Herzliche Grüße!

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